Warum jeder eine zweite Chance verdient hat

Montag, 16.05.2016 PK

Allzu schnell beurteilen wir Menschen nach ihrem Äußeren. Oder besser: Wir verurteilen sie. Und wer einmal einen Fehler macht, den wollen wir wegsperren. Für immer, wenn es geht. Eine zweite Chance? Die kriegt „so einer“ nicht. Wie fatal diese Einstellung sein kann, zeigt diese kleine Geschichte. Sie fordert dazu auf, den eigenen Blickwinkel gelegentlich neu zu justieren…

Die Geschichte stammt aus dem Tagebuch der Lehrerin Jean Thompson, die vor vielen Jahren eine fünfte Klasse unterrichtete. Einen ihrer Schüler, Teddy Stoddard, konnte sie nicht leiden. Er war nicht wie die anderen Kinder: Er sah ungepflegt und zerlumpt aus, er spielte nicht mit den anderen, er hatte kein Interesse am Unterricht – und Jean Thompson ertappte sich dabei, wie sie es genoss, ihm seine Fehler mit einem fetten roten Stift anzustreichen.

Kleiner Mann mit schwerem Schicksal

Bis sie seine Schülerakte las und ihren Augen nicht traute: Darin stand, Teddy sei in der ersten Klasse ein sehr aufgewecktes, liebenswürdiges Kind gewesen – bei allen beliebt und mit guten Noten. In der zweiten Klasse sei Teddy zwar immer noch lebhaft gewesen, doch litt der Junge sehr darunter, dass seine Mutter eine tödliche Krankheit hatte. In der dritten Klasse wurde in die Akte eingetragen, Teddy käme im Unterricht seit dem Tod der Mutter kaum noch mit. In der vierten Klasse verschlimmerte sich die Situation. Der Eintrag: Teddy schläft im Unterricht, ist ständig abgelenkt. Der Junge ist ein Problemfall und zeigt Tendenzen, später einmal auf die schiefe Bahn zu geraten.

Ein wertvolles Geschenk

Jean Thompson hatte verstanden. Und als ihre Schüler ihr zum Abschluss des Schuljahres kleine Geschenke machten, war auch eins von Teddy Stoddard darunter. Notdürftig eingewickelt in eine unbeholfen zurecht geschnippelte, braune Papiertüte – doch dieses Päckchen öffnete die Lehrerin zuerst. Die Klasse fing an zu lachen, als ein billiges Glitzerarmband, in dem ein paar Steine fehlten und ein halbvoller Flakon Eau de Cologne zum Vorschein kamen. Doch Jean Thompson zog das Armband demonstrativ an und träufelte sich etwas von dem Parfüm auf die Handgelenke. Teddy kam nach dem Unterricht zu ihr und sagte, dass sie heute genau wie seine Mama riechen würde.

Ich glaube an Dich!

Das war der Moment, als Jean Thompson den Entschluss fasste, einem Jungen namens Teddy eine zweite Chance zu geben. Und Teddy blühte auf. Am Ende seiner Schulzeit gehörte er zu den Besten der Klasse. Später schieb er ihr regelmäßig, dass sie von all seinen Lehrerinnen seine liebste war. Er schrieb, dass er die Highschool hinter sich hatte, als drittbester seines Jahrgangs. Einige Jahre später schrieb er, dass er das College abgeschlossen hatte. Und noch immer sei sie seine Lieblingslehrerin. Vier Jahre danach kam wieder ein Brief. Darin stand, dass er nun einen etwas längeren Namen hätte: Dr. med. Theodore F. Stoddard und dass er seine Lieblingslehrerin gern zu seiner bevorstehenden Hochzeit einladen würde. Jean Thompson nahm die Einladung an. Sie saß in der Hochzeitskirche, trug das billige Glitzerarmband, in dem ein paar Steine fehlten und roch nach dem Parfüm von Teddys verstorbener Mutter. Und sie wusste, dass sie alles richtig gemacht hatte.

Junge auf Steg

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