Die wilde Bestie in der Hose

Montag, 15.06.2015 PK

Jetzt wissen wir endlich, wozu ein Reißverschluss Zähne hat: Er kann beißen, wenn man(n) nicht aufpasst. Und wie weh das tut – damit musste sich sogar schon das Oberlandesgericht Nürnberg beschäftigen…

Jeder, der den Film „Verrückt nach Mary“ gesehen hat, ahnt, was jetzt kommt. Denn in diesem Streifen wurde Ben Stiller von seinem Hosen-Reißverschluss in sein edelstes Teil gebissen. Zum Glück waren die schmerzhaft verzerrten Gesichtszüge des Mimen nur das Ergebnis seiner Schauspielkunst. In einem realen Fall im Fränkischen war der betroffene Jugendliche allerdings nicht auf das Vortäuschen seines Leidens angewiesen: Sein Leiden konnte echter gar nicht sein.

Die überraschende Attacke

Der 14-Jähriger hatte es irgendwie geschafft, für sich und seine Freunde 18 Flaschen Bier und eine 0,7-Liter-Flasche Alkopop zu organisieren. Doch der Konsum dieser Getränke blieb natürlich nicht ohne Folgen. Folge eins: Die Flüssigkeitsmenge musste wieder raus – also ging der Junge urinieren. Folge zwei: Die motorischen Fähigkeiten des Teenagers hatten durch den Alkohol offenbar stark nachgelassen – so kam es dann zu dem Beißvorfall mit dem Reißverschluss.

Schuld sind immer die anderen

Folge drei und dramatisches Ende: Rettungswagen, Klinik, Operation. Die Vorhaut musste komplett entfernt werden. Nun – das ist im Prinzip allenfalls ein kosmetisches Manko, mit dem viele Männer ganz gut leben können. Der Teenager aber sah seine zukünftigen sexuellen Empfindungen bedroht und verlangte nun, vertreten durch seine Eltern, Schmerzensgeld. Nein, nicht gegen den Hersteller des aggressiven Reißverschlusses, sondern gegen den Ladenbesitzer, der ihm den Alkohol gar nicht hätte verkaufen dürfen.

Forderung: 5000 Euro Schmerzensgeld

Der Forderungskatalog des Gebissenen allerdings liest sich genauso skurril wie die Beißattacke selbst: Er verlangte 5.000 Euro Schmerzensgeld, dazu insgesamt 150 Euro für den Ersatz seiner beschädigten Hose (die mussten ihm die Ärzte regelrecht vom Leib schneiden), Fahrtkosten seiner Eltern in die Klinik sowie für den Kauf von Lektüre, weil es ohne ja so langweilig im Krankenbett war.

Mit klarem Kopf wäre gar nichts passiert

Das Argument, der Ladenbesitzer hätte ihm keinen Alkohol verkaufen dürfen, zog vor Gericht jedoch nicht. Denn hätte der Junge nichts getrunken, wäre es gar nicht erst zu dem schmerzhaften Zwischenfall gekommen. Die Richter betonten zudem, „Sinn des Gesetzes zum Schutze der Jugend in der Öffentlichkeit sei es, einer Verwahrlosung entgegenzuwirken, die durch zu frühen Alkoholgenuss eintreten könne.“ Der Schutz des Jugendlichen vor Selbstverstümmelungen im Vollrausch sei hingegen nicht vorrangig erfasst. Da können wir nur zustimmen.

Textbezogene Paragraphen / Urteile:

Oberlandesgericht Nürnberg: 1 U 2507/03

Reißverschluss

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