Bis 1998: Jungfrauen haben höheren Marktwert!

Mittwoch, 17.02.2016 PK

Mit der Liebsten in die Kiste – aber dann doch nicht heiraten? Ist noch gar nicht so lange her, da musste ein solcher „Leichtfuß“ der Frau eine ordentliche Summe als Entschädigung zahlen. Wofür? Na, für den Verlust der Jungfräulichkeit. Das war nämlich früher ein Makel, der die Heirats-Chancen der Dame deutlich minderte..

„Kranzgeld“ hieß diese Entschädigung. Hergeleitet wahrscheinlich von dem Brauch, dass eine nicht mehr ganz so jungfräuliche Braut - eine sogenannte „Strohjungfer“ - bei der Hochzeit einen Strohkranz tragen musste. Die „unbescholtene“ Maid dagegen trug einen Myrtenkranz. Streng waren die Sitten – und streng war auch das Gesetz.

Überholte Moralvorstellungen

Und das war es exakt bis zum 4. Mai 1998. Erst zu diesem Datum wurde der Paragraph 1300 BGB, der das Kranzgeld regelte, abgeschafft (in der DDR bereits 1957). Nun hatte er allerdings auch schon vorher kaum noch praktische Bedeutung: In der Bundesrepublik kam es 1968 zu einer letzten Verurteilung wegen des gebrochenen Eheversprechens: 500 Mark Entschädigung. Seitdem lag der Paragraph 1300 in der Mottenkiste. Ein letzter Versuch, ihn wieder zu entstauben, fand 1993 statt, wurde aber vom Amtsgericht Münster abgelehnt. Begründung: Überholte Moralvorstellungen.

1968 wurde plötzlich alles anders

Wer sich erinnert: 1968 war unter anderem das Jahr, das die sogenannte sexuelle Revolution einleitete. Die Pille kam, und die Spontis skandierten: „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment.“ Moralvorstellungen hin oder her: Unseren Richtern ist die sexuelle Befreiung relativ frühzeitig aufgefallen – den Politikern 30 Jahre später.

Da waren zwei Jahresgehälter futsch

Noch im Jahr 1910 konnte die zuerst Verführte, dann Sitzengelassene noch 15.000 Reichsmark verlangen, um den angerichteten „Schaden“ erträglich zu machen. Eine Summe, die nach heute rund 80.000 Euro entspricht. Im Laufe der Jahrzehnte ließ dann der Wert der verlorenen Ehre jedoch immer mehr nach – heute ist er bei Null. Moralisten mögen das bedauern. Alle anderen – Männer wie Frauen – genießen es, dass einige Gesetze dorthin verschwinden, wo sie hingehören: in die Mottenkiste.

Textbezogene Paragraphen / Urteile:

§ 1300 BGB Abs. 1 (weggefallen) hieß es:

Hat eine unbescholtene Verlobte ihrem Verlobten die Beiwohnung gestattet, so kann sie ... eine... Entschädigung in Geld verlangen.“

Mädchen mit Blumenkranz

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