Warum Knackis keine Pornos mehr gucken dürfen

Donnerstag, 04.06.2015 PK

Die Geschichte liest sich, als hätte Alice Schwarzer den Strafvollzug übernommen: Insassen der JVA Berlin-Tegel sollen keine Schmuddelfilmchen mehr gucken dürfen. Und bevor die Welt jetzt aufschreit, „das sei doch richtig so“, hier die Kritik: Das Verbot gilt keineswegs ausschließlich für Sexualstraftäter, sondern für alle Strafgefangenen…

Ginge es tatsächlich nur um Sexualstraftäter, könnte man der neuen Vorschrift durchaus folgen. Denn in deren Begründung heißt es sinngemäß: „Die Überlassung von Pornofilmen an Inhaftierte könnte dazu führen, dass Sexualstraftäter das Ziel des Vollzugs, nämlich Besserung, nicht erreichen.“ Nachvollziehbar. Aber was ist mit allen anderen? Würden z. B. Steuerbetrüger wie Hoeneß und Konsortien wirklich Gefahr laufen, nach Konsum eines solchen Videos nicht mehr auf die Menschheit losgelassen werden zu dürfen?

Jugendgefährdend sind nicht nur Pornos

Bis vor kurzem durften die Insassen von Deutschlands größtem Gefängnis (so groß wie 17 Fußballfelder, 935 Haftplätze, 681 Bedienstete) in der Freizeit Filme mit dem Gütesiegel FSK 18“ (Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft) ansehen. Unter „FSK 18“ fallen aber nicht nur Pornos, sondern auch harte Action-Filme wie z. B. der Tarantino-Streifen „From Dusk till Dawn“ oder der Alien-Splatterfilm „Starship-Troopers“. Ja, zugegeben, da ist auch weibliche Haut zu sehen. Aber wurde nicht schon immer zunächst als Schweinerei  verteufelt, was sich später als große Kunst erwies? Ganz ehrlich: Das Bühnenstück „Reigen“ von Arthur Schnitzler wurde 1920 verboten, weil es darin nur um „das Eine“ ging. Heute ist es höchstes Kulturgut…

Alle über einen Kamm scheren?

Schalten wir den Ironie-Modus nun aber wieder aus. Filme, deren einziger Inhalt die Kopulation in Nahaufnahme ist, haben natürlich kaum das Zeug zum Weltkulturerbe. Aber warum ausgerechnet im Knast verbieten, wo doch dort das kineastische Klientel ein spezielles Bedürfnis an Unterhaltung hat? Wie oben schon angedeutet: Dort sitzen schließlich auch Einbrecher, Betrüger und Steuerhinterzieher ihre Strafen ab. Und die auf eine Stufe zu stellen mit denen, die durch Pornos womöglich an ihrer Rehabilitation gehindert werden, ist schlichtweg eine unzulässige Kollektivbestrafung. Dass die neue Berliner Porno-Verordnung deshalb vor Gericht landet, ist daher absehbar. Außerdem: Sollte es darum gehen, die intensiv diskutierte „Reduzierung der Frau auf ihre Geschlechtsmerkmale“ zu unterbinden, dann müsste man Pornos ganz allgemein und überall verbieten.  Und dazu die einschlägigen Männermagazine gleich mit. Aber wer will sowas durchsetzen?

Textbezogene Paragraphen / Urteile:

Verbreitung pornographischer Schriften § 184 StGB

Fußschellen an High Heels

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