Pendeln, Handauflegen, Fernheilen – zum ersten Mal kommt ein Wunderheiler damit durch

Montag, 05.01.2015 PK

Für viele Menschen sind sie Scharlatane, für einige wenige die vermeintlich letzte Hoffnung. Für Richter ist normalerweise dabei das Vorgaukeln wundersamer Heilkräfte ganz schlicht und einfach: Betrug.

Und dies ist natürlich strafbar (§ 263 StGB):  Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder eine Geldstrafe können die Folgen sein. 

Fragwürdige Methoden

Deswegen verwundert es, dass sich jetzt das Amtsgericht Gießen auf eine ziemlich einsame Rechtsposition begeben hat: Für die dortigen Richter ist nämlich „ein Wunderheiler noch lange kein Betrüger, nur weil er seine Patienten mit unorthodoxen Methoden wie Pendeln, Handauflegen oder per Telefon behandelt“. Denn solange keine wissenschaftlichen Belege vorgetäuscht würden, so die Richter, oder Kunden nicht davon abgehalten würden, einen Arzt aufzusuchen, sei die Sache nicht strafbar…

Stolzes Honorar

Im vorliegenden Fall behandelte ein sogenannter Wunderheiler 58 Patienten. Meistens erstellte er mit Hilfe eines Pendels die Diagnose – und das gleichzeitig über alle Organe. Logisch! Danach legte er seine Hände auf die vermeintlich erkrankten Körperregionen. Und je nach „Leiden“ verlangte er dafür zwischen 60.- € und 1.000.- €.

Ein echter Alleskönner

Und der Mann, der vorgab, sogar Krebs, Demenz, Alzheimer usw. heilen zu können, darf sich sogar weiterhin als Wunderheiler bezeichnen. Denn - und das überrascht uns nun wirklich: Er kann das Recht auf Berufsfreiheit für sich in Anspruch nehmen. Und Wunderheiler üben nun einmal, im Gegensatz zu Heilpraktikern, keinen „erlaubnispflichtigen“ Beruf aus. Das heißt im Klartext, sie unterliegen keinen Beschränkungen und dürfen sich bezahlen lassen, was sie wollen.

Geistreiches woher auch immer

Wer weiß: Vielleicht wussten die Richter in Gießen ja nichts von einer Entscheidung des Bundesgerichtshofes aus dem Jahr 1977, die genau das Gegenteil sagt. Nämlich dass Heilkunde immer dann vorliege, wenn der Eindruck einer möglichen Heilung geweckt werde. Erlaubt sei deswegen lediglich die Zusicherung, „die Hilfe Gottes für den Kranken zu erbitten“.

Vielleicht kannten die Richter in Gießen aber auch nur den Unterschied zwischen Spiritisten und Spirituosen nicht. Der Eindruck könnte nach dieser Entscheidung zumindest entstehen.

Textbezogene Paragraphen / Urteile:

Amtsgericht Gießen (507 Cs 402 Js 6823/11), Bundesgerichtshof (1 StR 389/77)

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