Haustyrannenmord: Den eigenen Mann erschossen – und begnadigt

Sonntag, 14.02.2016 PK

Jaqueline Sauvage war 47 Jahre lang mit einem gewalttätigen Säufer verheiratet. Er schlug sie, vergewaltigte sie, die Töchter – sogar den Sohn. Als der Junge sich 2012 erhängte, griff die Mutter zum Gewehr und schoss ihrem Mann dreimal in den Rücken. Doch jetzt ist sie wieder auf freiem Fuß…

Keine Frage: Das war Mord! Notwehr wurde vom Gericht nicht anerkannt, und deshalb das Urteil: zehn Jahre Haft. Rücksicht auf die unmenschlichen Situationen, die vorher über Jahre hinweg stattgefunden hatten, nahm die Justiz nicht. Doch vor ein paar Tagen wendete sich nun das Schicksal der gequälten Frau: Der französische Staatspräsident Francois Hollande sprach eine Begnadigung aus – Jaqueline Sauvage könnte nun Anfang April unter Auflagen entlassen werden. 

Notwehr ist es jedenfalls nicht

Auch in Deutschland stellen sich immer mehr Juristen auf die Seite misshandelter Frauen. Obwohl auch hierzulande der Mord an einem Haustyrannen keineswegs durch den Notwehr-Paragraphen (§ 32 StGB) gedeckt ist. Doch schon im Juli 2002 beschäftigte sich das  Landgericht Offenburg mit der Frage, wie diese besondere Art des Mordes zu ahnden sei. Der Fall: Eine Frau, über Jahre hinweg immer wieder von ihrem brutalen Mann verprügelt, wusste keinen anderen Ausweg, als ihren Peiniger im Schlaf mit einem Küchenmesser umzubringen, um sich und ihr Baby vor ihm zu schützen. Die Richter konstruierten damals mehrere schuldmildernde Umstände: „Verminderte Schuldfähigkeit“ und „Verbotsirrtum“. Die Frau kam damals mit zwei Jahren auf Bewährung davon. 

Eine Begründung, die Hoffnung macht

Im jüngsten Fall von Haustyrannenmord war sogar der 1. Strafsenat des Bundesgerichtshofes geneigt, die Täterin gänzlich freizusprechen. Eine Mutter von zwei Töchtern, über 15 Jahre hinweg entsetzlich gequält, hatte ihren Mann im Schlaf mit seinem eigenen Revolver erschossen. Die Argumente des BGH sind bemerkenswert: Hätte der Mann die Frau, wie bereits fast geschehen, zu Tode geprügelt, wäre er nur wegen Totschlags belangt worden. Und: „Wäre er plötzlich aufgewacht, hätte sich die Frau durchaus auf Notwehr berufen können. Warum also sollte man sie jetzt wegen Mordes verurteilen?“ 

Wie viel Spielraum Richter wirklich haben

Woran die Richter nicht vorbei kamen: An der Heimtücke (ein Mordmerkmal) war nicht zu rütteln. Und Notwehr ohne gegenwärtigen Angriff? Geht schon gar nicht! Der Strafsenat fand aber dennoch einen Weg: den „Entschuldigenden Notstand“ wegen einer „gegenwärtigen, nicht anders abwendbaren Gefahr“ sowie einen "Irrtum über andere Abwendungs­möglich­keiten". Das ursprünglich verkündete Mord-Urteil eines Landgerichts wurde daraufhin aufgehoben.

Textbezogene Paragraphen / Urteile:

Bundesgerichtshof, Urteil vom 25.3.2003 – 1 StR 483/02

Entschuldigender Notstand § 35 StGB
Verbotsirrtum § 17 StGB

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