Erschreckend gegenwärtig: Die ungebrochene Raffgier der Nazis

Samstag, 02.05.2015 PK

Hermann Göring, Hitlers zweiter Mann, entzog sich am 15. Oktober 1946 in Nürnberg der Vollstreckung seines Todesurteils durch eine Zyankali-Kapsel. Das Vermögen des Kriegsverbrechers wurde beschlagnahmt. Jetzt, 70 Jahre nach Kriegsende, fordert seine Tochter Edda Göring Teile davon zurück. „Weil sie ja durch die posthume Enteignung ihres Vaters um ihr Erbe  gebracht worden sei“. Was sie offenbar vollkommen ausblendet, ist, dass ihr Vater einer der größten Verbrecher und Kunsträuber der Geschichte war…

Der zweitmächtigste Mann des Dritten Reiches, Hermann Göring, raffte nicht nur immer mehr Staatsämter – er war auch unersättlich gierig nach Kunstgegenständen und Geld. Geraubte Kunst. Geraubtes Geld. Göring unterstellt war nämlich unter anderem die „Treuhandstelle für die Jüdische Auswanderung“, die Ausreisewillige mit einer immer höherer „Reichsfluchtsteuer“ belastete.

Was wir niemals vergessen dürfen

Görings Vermögen kam also in erster Linie dadurch zustande, dass er im In- und Ausland auf Vermögenswerte entrechteter jüdischer Bürger und Emigranten zugriff – mit amtlicher Vollmacht. Niemand darf vergessen: Göring war Nazi der ersten Stunde. Er war es, auf dessen Initiative hin Juden einen gelben Stern an der Kleidung tragen mussten. Er war es auch, der nach den Novemberpogromen (1938) eine Sitzung mit dem Ziel einberief, Juden zu enteignen. Und er war der Auftraggeber für die „Endlösung der Judenfrage“. Bei Kriegsende fanden amerikanische Soldaten einen kompletten Güterzug voll mit Kunstgegenständen, sorgsam versteckt in einem Tunnel bei Berchtesgaden.

Kurzer Prozess gegen die Nazi-Erbin

Hitlers „rechte Hand“ wurde, nachdem er sich selbst umgebracht hatte, posthum enteignet. Und das findet seine Tochter Edda (76) ungerecht. Ihrer Auffassung nach hätte zunächst ihre Mutter (gestorben 1973) das Vermögen erben müssen, danach sie selbst. Und das versucht sie auch immer wieder durchzusetzen. Bereits in den 1960er Jahren trieb sie den Rechtsstreit bis vor den Bundesgerichtshof – und scheiterte. So auch vor einigen Tagen, als es um eine Petition der Göring-Tochter im Bayerischen Landtag ging. Darin forderte die Münchnerin eine Entschädigung. Der Antrag wurde abgelehnt. Ein kurzer (Entscheidungs-) Prozess: Der Rechtsausschuss des Landtages braucht nur Minuten für sein „Nein“.

Leider ist die Welt nicht klein genug

Beschäftigen wir uns noch ein wenig mit dieser Frau: Edda Göring hat, obwohl sie damals noch ein Kind war, die Nazi-Zeit wohl nie losgelassen können. Denn auch nach dem Krieg hielt sie Kontakt zu Alt-Nazis. Von 1976 bis 1981 war sie mit dem Stern-Reporter Gerd Heidemann liiert, der 1983 die gefälschten Hitler-Tagebücher präsentierte und dafür ein Vermögen kassierte. Wie klein doch die Welt ist – leider nicht klein genug, als dass Nazis keinen Platz mehr auf ihr finden.

Textbezogene Paragraphen / Urteile:

Zwei-plus-Vier-Vertrag (vollständiger amtlicher Titel: „Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland“), in Kraft getreten am 15. März 1991

Faschismus

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