2,60 Euro pro Minute: Telio zockt Strafgefangene ab

Montag, 11.07.2016 BJ

Sie ist marktführend für Kommunikationssysteme im Strafvollzug: Die Firma Telio aus Hamburg. Unermüdlich liefert sie in deutsche Gefängnisse vom Gefangenen- und Haftraum-Telefon bis zum Gefangenen-Konto alles, was das Knastherz höher schlagen lässt. Und leistet dabei laut eigener Werbung einen „wichtigen Beitrag zum Anstaltsfrieden und zur Resozialisierung“. Offensichtlich rechtfertigt solch hehres Handeln in den Augen der Firma einen Minutenpreis für Auslandsgespräche von 2,60 Euro…

Viel Geld, wenn man bedenkt, dass (arbeitenden) Häftlingen monatlich gerade einmal zwischen 60.- und 150.- € zur Verfügung stehen. Aber die Insassen hatten keine Wahl, da Handys im Gefängnis bekannterweise ja keine Alternative sind. Aus diesem Grund zog ein Strafgefangener aus der Justizvollzugsanstalt Burg in Sachsen-Anhalt vor Gericht, um für niedrigere Gebühren zu kämpfen.

Abzocke

Und er bekam Recht! Denn das zuständige Landgericht Stendal hat nun entschieden, dass das „Preisniveau völlig unverhältnismäßig sei und nicht der Fürsorgepflicht der Anstalt entspreche“.

66 Prozent Gewinn

Im Klartext: Die übliche Gewinnspanne für Telefonanbieter liegt bei ca. 15 Prozent. Telio, mit der das Land langfristige Verträge für seine Haftanstalten abgeschlossen hat, gab sich mit schlappen 66 Prozent Gewinn zufrieden. Doch was soll man von einem Unternehmen erwarten, das faktisch konkurrenzlos ist und auf seiner Website Slogans stehen hat wie: „Es gibt gute Gründe, Gefangene gelegentlich wählen zu lassen“ und „Der Telefon-Joker im Vollzugsalltag“. Auch der Satz: „Wir tun täglich unser Bestes, damit Schutzbefohlene nicht den Anschluss verlieren“ entbehrt nicht eines gewissen Humors.

Ganz schnell doch noch gesenkt

Infolge des Urteils gab das Unternehmen bekannt, dass es die Preise in anderen Justizvollzugsanstalten bereits vor Bekanntgabe des Beschlusses gesenkt habe. 

Textbezogene Paragraphen / Urteile:

Landgericht Stendal Beschl. v. 30.12.2014, Az. 509 StVK 179/13

Art. 20 GG, Fürsorgepflicht

Telephon auf Bett

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