Bei Selbstmord gibt es immer auch unfreiwillige Opfer…

Freitag, 01.05.2015 PK

Vor wenigen Tagen stand eine 23-jährige Münchnerin vor Gericht, weil sie versucht hatte, sich das Leben zu nehmen. Ist Selbstmord jetzt etwa strafbar? Nun, wenn er gelingt, natürlich nicht. Aber wehe, die Sache geht schief...

Am 14. Februar 2012, ausgerechnet am Valentinstag, warf sich die junge Frau vor die einfahrende S-Bahn am Bahnhof Karlsfeld (Kreis Dachau). Die Zugführerin konnte das tonnenschwere Gefährt nicht mehr anhalten. Es war genau 23.11 Uhr, als die Selbstmörderin überrollt wurde. Doch sie überlebte. Seitdem steht sie unter ständiger Betreuung.

Furchtbare Nachwirkung beim Zugführer

Woran sie wohl nicht gedacht hatte, ist, dass die Triebwagenführerin einen Schock erlitt, von dem sie sich bis heute nicht erholt hat. Psychologen sprechen in solchen Fällen von einer posttraumatischen Belastungsstörung. Für diese furchtbare Nachwirkung verlangte die Frau nun Schadenersatz von der Selbstmörderin. Doch die behauptet, es träfe sie keine Schuld, weil sie zum Zeitpunkt ihres Suizidversuches selbst an einer Geistesstörung gelitten habe.

Geräusche bekommt man nie aus dem Kopf

Für diese Behauptung aber konnte sie dem Amtsgericht München keine stichhaltigen Beweise vorlegen. Und obwohl den Lokführern für den Fall, dass sie nicht mehr schnell genug abbremsen können, beigebracht wird, die Augen zuzumachen und sich die Ohren wegen des Geräusches des Aufpralls zuzuhalten, lautete das Urteil trotzdem: Die Selbstmörderin hat schuldhaft gehandelt und muss der Zugführerin 1500 Euro Schmerzensgeld zahlen.

Was du nie vergisst, ist dieser letzte Blick

Übrigens keineswegs ein Einzelfall. Jedes Jahr nehmen sich hunderte Menschen auf Bahngleisen das Leben. Jeder Lokführer muss damit rechnen. Und keine Vorbereitung ist gut genug, um dieses Erlebnis zu verkraften. Denn „was du niemals vergisst, ist dieser letzte Blick,“ sagt Bernd Z., dem schon sechs Menschen vor den Zug gesprungen sind.

Schmerzensgeld von den Hinterbliebenen

Trotz des Traumas verzichten die meisten Lokführer jedoch auf Schmerzensgeld. Doch einer hat es nicht getan: Im Jahr 2011 verlangte ein Mann von den Eltern eines toten Jungen 15.000 Euro. Der Fall  beschäftigte am Ende das Landgericht Nürnberg-Fürth und endete in einem außergerichtlichen Vergleich. Über die Höhe des Schmerzensgeldes wurde Stillschweigen vereinbart – es werden aber wohl zwischen 3.000 und 5.000 Euro gewesen sein. Denn diese Summe wäre auch bei einem Prozess nicht unwahrscheinlich gewesen.

Textbezogene Paragraphen / Urteile:

AG München: 122 C 4607/14 rechtskräftig

LG Nürnberg-Fürth: 8 O 9532/10 Vergleich

Zuggleise bei Nacht

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