Kind verletzt: Gefährliches Spiel in der Modeboutique

Mittwoch, 19.08.2015 PK

Der Reiz war einfach zu groß: Ein vierjähriges Mädchen, das von seiner Mutter in einer Modeboutique für einen Moment aus den Augen gelassen worden war, zog an einem glitzernden Gürtel und brachte damit den Ständer, an dem das Accessoire hing, zu Fall. Dabei traf der Ständer das Mädchen am Auge. Die Verletzung war so schwer, dass eine dauerhafte Schädigung des Sehnervs befürchtet werden muss. Und jetzt die Frage: Wer hat Schuld?

Hat die Mutter ihre Aufsichtspflicht verletzt? Oder hat das Modegeschäft seine Verkehrssicherungspflicht verletzt? Die Vermutung: Wenn es ein Kleinkind von vier Jahren schafft, einen metallenen Ständer umzureißen, dann muss das Ding ziemlich wackelig konstruiert sein. Und zudem unsicher, wenn man sich an spitzen Bauteilen auch noch schwer verletzen kann.

Richtig sehen wird die Kleine nie wieder können

Dieser Argumentation stellte sich das Modegeschäft allerdings mit aller Macht entgegen. „Es sei schließlich Sache der Eltern, das Kind nicht frei im Laden herumlaufen zu lassen, sondern es zu beaufsichtigen.“ Dieser Gegenvorwurf ist durchaus verständlich – immerhin ging es im anschließenden Prozess um 2.000 Euro Schmerzensgeld für das kleine Mädchen, das wohl fortan mit einer verminderten Sehfähigkeit leben muss.

Warenangebot lenkt Eltern ab

Das Oberlandesgericht Hamm entschied allerdings, dem Mädchen die 2.000 Euro zuzusprechen. Denn die Richter waren davon überzeugt, dass ein Ständer, der bereits bei einer Zugkraft von lediglich 800 Gramm umfällt, keineswegs geeignet ist, um in einem Geschäft zu stehen. So gesehen lag also durchaus eine Verletzung der Verkehrssicherungspflicht vor, denn Kunden dürfen darauf vertrauen, dass solche Gefahrenquellen beseitigt werden. Außerdem mochten sich die Richter mit dem Vorwurf der verletzten Aufsichtspflicht überhaupt nicht anfreunden: Denn Modegeschäfte lenken die Aufmerksamkeit von Eltern natürlich mit Absicht auf ihre Warenpräsentation. Gleichzeitig lenken sie von möglichen Gefahren für Kinder ab. 

Der Unfall war nicht zu verhindern

Fest steht: Eine Mithaftung der Eltern kommt in Fällen wie diesem nicht in Betracht. Zumal deshalb nicht, weil die Eltern nicht hätten verhindern können, dass der Gürtelständer quasi fast von alleine umfällt.

Textbezogene Paragraphen / Urteile:

Oberlandesgericht Hamm: 6 U 186/13

Kleiderständer

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