Sind Gefängnisausbrüche eigentlich strafbar?

Mittwoch, 04.02.2015 PK

Na logisch – das ist wohl bei jedem der erste Gedanke. Doch weit gefehlt! Unser Gesetzgeber bringt denen, die aus dem Knast abhauen, größtes Verständnis entgegen: Denn der „Selbstbefreiungs-Trieb" ist menschlich durchaus verständlich. Allerdings hat die Geschichte natürlich ein dickes „Aber“...

Zwar ist der Ausbruch an sich nicht strafbar, aber ohne weitere Straftat in der Regel kaum zu bewerkstelligen. Die einzige Situation, wo das klappt, ist der Freigang. Wer dann nicht zurück in die Zelle geht, hat keine strafrechtlichen Konsequenzen zu fürchten. 

Folgestraftaten entscheidend

Doch natürlich  steht in den seltensten Fällen die Gefängnistür offen. Daher kommt es im Regelfall zu „Begleittaten“ bei einem Ausbruch. Wird z.B. Gewalt gegen das Wachpersonal angewandt, sind womöglich die Straftatbestände der Körperverletzung oder sogar gefährlichen bzw. schweren Körperverletzung (§§ 223 ff. StGB) erfüllt. Auch die Bestechung (§ 334 StGB), Bedrohung (§ 239 StGB) oder Geiselnahme (§ 239b StGB) von Beamten sind typisch und führen unweigerlich zu erneuten Anklagen, und - im Falle der Verurteilung - zur Verlängerung der ohnehin noch abzusitzenden Strafe.

Das Zersägen der Gitterstäbe ist strafbar

Fast nie geht die Flucht ohne Sachbeschädigung vonstatten (§ 303 StGB) – denn raus kommt schließlich nur, wer Gitterstäbe durchsägt oder Stacheldrahtzäune niederreißt. Und dann ist da ja noch der Diebstahl: Strafgefangene haben keine Chance, sich vor ihrer Flucht noch umzuziehen – das heißt, sie fliehen in Anstaltskleidung. Und ob das dann tatsächlich als Diebstahl (§ 242 StGB) geahndet werden kann, hängt davon ab, ob der Flüchtling sich der Kleidung sofort entledigt oder nicht. Wirft er sie weg, liegt keine „Zueignungsabsicht“ der Anstaltskleidung vor – und der Diebstahl ist im Prinzip vom Tisch. Bei einem Schlüssel, der mit aus der Anstalt genommen wird, kann dies schon wieder ganz  anders aussehen.

Die spektakulärste Flucht in Deutschland

Den wohl spektakulärsten Gefängnisausbruch in Deutschland legten die beiden Schwerverbrecher Peter Paul Michalski und Michael Heckhoff hin: Sie entkamen im November 2009 aus der JVA Aachen. Dabei überwältigten sie einen Vollzugsbeamten, nahmen eine 19 Jahre alte Schülerin als Geisel und überfielen ein Ehepaar. Strafverlängernd wirkten sich diese Straftaten allerdings nicht aus: Beide waren schon vorher zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt worden…

Textbezogene Paragraphen / Urteile:

§§ 223 ff. StGB, § 334 StGB, § 239 StGB, § 239b StGB, § 303 StGB, § 242 StGB

Hund hinter Zaun

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04.02.2015 15:48
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