Gemeinsam in den Tod: Wer seinen Frieden gemacht hat, bekommt Krieg

Montag, 04.01.2016 PK

Zum Altwerden gehört Mut: Der Körper wird schwächer, der Geist spielt einem bisweilen Streiche – und auch ohne schwere Krankheiten oder Defizite verspüren manche alte Menschen den Wunsch, sich aus dem Leben zu verabschieden. Doch wer mit der Welt seinen Frieden gemacht hat, muss einen letzten Kampf ausfechten. Ein Kampf, der nicht zu gewinnen ist...

... denn es ist der Kampf mit der deutschen Verwaltung. Ein Ehepaar (78 und 71 Jahre alt) beschloss, sich gemeinsam das Leben zu nehmen. Nicht aus Verzweiflung über ihr Schicksal, nicht wegen schwerer Erkrankungen – sondern einfach so. Beide spürten, wie ihre Kräfte langsam, aber unaufhaltsam nachließen. Beide ertappten sich immer wieder dabei, Dinge zu vergessen oder zu verwechseln. Und deshalb, so beschlossen sie, wollten sie sterben, bevor sie zu Pflegefällen werden würden und anderen zu Last fielen. Undramatisch. Schmerzfrei. In Würde. Einschlafen und nie wieder aufwachen.

Die Pille ins Jenseits

Jeder hat vielleicht schon einmal über sein eigenes Ableben nachgedacht. Und die meisten würden es wohl akzeptabel finden, wie es sich das alte Ehepaar vorgestellt hat. Nur: Wer das in die Praxis umsetzen will, bekommt es mit unserem Rechtssystem zu tun – und muss in den Krieg, bevor er seinen Frieden findet. Die beiden Eheleute beantragten nämlich beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) die Erlaubnis zum Erwerb einer tödlichen Dosis Natrium-Pentobarbital. Das ist ein inzwischen nicht mehr verkauftes Schlafmittel, von dem man nach einer Überdosis für immer schläft. Exakt zu diesem Zweck wird heute nur noch in der Tiermedizin verwendet. Das BfArM lehnte den Antrag ab.

Den Tod gibt’s nicht auf Rezept

Das Ehepaar musste darauf gezwungenermaßen alle Lebensgeister mobilisieren und dagegen klagen. Ihr Hauptargument: die unantastbare Menschenwürde, die auch das Recht auf ein selbstbestimmtes Ableben umfasse. Dem ist das Verwaltungsgericht Köln allerdings nicht gefolgt und hat die Klage abgewiesen. Wobei sich die Richter auf einen doch eher akademischen Standpunkt zurückgezogen haben: „Eine Erlaubnis,“ - so heißt es in der Begründung - „könne nur erteilt werden, wenn sie mit dem Zweck des Gesetzes, die notwendige medizinische Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen, vereinbar sei. Dies sei aber bei einer Erlaubnis zum Erwerb der tödlichen Substanz nicht der Fall.“ 

Kann man denen noch Glück wünschen?

Mit dem persönlichen Empfinden der Kläger hat sich das Gericht gar nicht erst auseinandergesetzt. Welchen Weg die beiden jetzt gehen werden – wir wissen es nicht. Möge er ein leichter sein...

Textbezogene Paragraphen / Urteile:

Verwaltungsgericht Köln, Urteil vom 01.12.2015 - 7 K 14/15

Alte Hände

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