Was für ’ne arme Wurst: Prozess-Posse an einem rheinischen Gericht

Dienstag, 16.06.2015 PK

Gäbe es eine Hitliste der abwegigsten Prozess-Possen, diese Geschichte wäre mit Sicherheit unter den „Top Ten“: Denn es geht um die Wurst. Genauer gesagt um eine Blutwurst, in der etwas steckte, was ein Genießer sicher nicht darin erwartet…

Denn in besagter Blutwurst, einem traditionellen Bestandteil der rheinischen Küche übrigens, steckte ein blutiger Schweinezahn. Dieser kleine, hinterhältige Fremdkörper lauerte also nur darauf, von einem arglosen Blutwurst-Fan gefunden zu werden, indem dieser herzhaft hineinbiss – und sich dabei einen eigenen Zahn abbrach. Und so geschah es denn auch: mit einem deutlichen „Knack“ verlor ein Kölner so Stücke seiner Schneidezähne. 

Eine Frage, die wir lieber nicht stellen

Jeder andere wäre jetzt zum Zahnarzt gegangen, hätte den Schaden reparieren lassen und die mit großem Bedauern seitens des Wurstherstellers angebotenen 500 Euro Abfindung akzeptiert. "Immerhin", so das Entschuldigungsschreiben, "handele es sich bei Blutwurst um ein Naturprodukt – da könne schon mal ein Schweinezahn darin vorkommen. Bei Fischen müsse man schließlich auch mit Gräten rechnen"… Wir fragen lieber gar nicht erst, aus welchen Teilen eines Schweines Blutwurst wohl sonst noch hergestellt wird.

Tiefsitzende Blutwurst-Phobie

Doch weder mit den 500 Euro noch mit dem absurden Fischvergleich gab sich unser Opfer zufrieden. Erst recht nicht, weil der Mann Anwalt ist und sich nun bemühte, nach allen Regeln der juristischen Kunst 3.500 Euro Schmerzensgeld für sich herauszuschlagen. Seine Begründung dafür klingt allerdings kaum weniger abstrus als die Verteidigung des Fleischwarenfabrikanten: Er behauptet nämlich, die heimtückische Attacke hätte bei ihm Angstzustände ausgelöst. Also eine tiefsitzende Blutwurst-Phobie etwa?

Klärung mit zwei teuren Gutachtern

Vergessen wir das! Das Gericht hat nun jedenfalls zwei Sachverständige beauftragt. Ein Zahnmediziner soll klären, ob die Fraktur in der Kauleiste den vollständigen Verlust eines Schneidezahns bewirken könnte, ein Psychiater ist mit der Frage betraut, ob der Anwalt nach seinem folgenschweren Erlebnis schon beim bloßen Gedanken an Blutwurst unter „Angstzuständen leidet, die seine Lebensumstände spürbar beeinträchtigen“.

Vor dem Hintergrund fortschreitender Überlastung der Gerichte können wir immerhin eine Lehre aus dieser Posse ziehen: Gerichtsverfahren werden wohl immer mehr zum lukrativen Geschäft für Ärzte, die sich mit Gutachten ihre Honorare aufbessern können. 

Textbezogene Paragraphen / Urteile:

Amtsgericht Köln : 113 C 438/14

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