Soll bloß keiner sagen, unsere Justiz gibt sich keine Mühe

Samstag, 23.05.2015 PK

Dieser Prozess hat das Potenzial für Platz 1 auf der Hitliste der durchgeknalltesten Gerichtsverfahren aller Zeiten. Angeklagt waren zwei Männer, weil sie zwei Cola-Dosen geklaut hatten. Klar, Diebstahl muss verfolgt werden – das ist schließlich nur gerecht. Aber diese Cola-Dosen waren leer!

Bei dem Prozess ging es also um einen Wert von zweimal 25 Cent Dosenpfand! Absurder kann ein Strafprozess kaum sein. Erst recht nicht, wenn wir einmal nachrechnen, was diese schräge Nummer am Ende gekostet hat:

Da sind zum einen die Gehälter von einer Staatsanwältin und einem Richter. Nehmen wir mal an, dass beide Berufsanfänger sind (den Eindruck gewinnt man ja bei dieser Posse), dann legen wir das Richtergehalt mit rund 4800 Euro pro Monat fest, das der Staatsanwältin mit gerundeten 3600 Euro. Nehmen wir weiter an: Beide beschäftigen sich mit dem Fall einen halben Tag lang (Vorbereitung und Prozess) – dann ergibt das unterm Strich 140 Euro, die der Staat mit deren Tätigkeit vergeudet hat. In diesem Fall kommt noch ein Strafverteidiger hinzu (Honorar 800 Euro), und eine Handvoll Polizeibeamte, die mit der Aufklärung des Frevels betraut sind und einen ganzen Stapel Papier in die Ermittlungsakte heften. Dann sind wir schon bei locker 1800 Euro. Das 3600-fache dessen, was eine leere Cola-Dose wert ist! Soll ja keiner behaupten, unsere Justiz scheue Kosten und Mühen.

Verdächtige im Treppenhaus

Aber erzählen wir die Geschichte von Anfang an: Eine junge Frau sieht von ihrem Balkon in der vierten Etage aus, wie zwei Männer die Ha­ge­ner Remberg­straße ent­lang ge­hen. Der eine mit einem Trolley. Der andere verschwindet kurz im Treppenhaus. Was er da gemacht hat, sieht die Frau nicht – aber sicherheitshalber ruft sie die Polizei und gibt später an, dass aus dem im Treppenhaus abgestellten Kinderwagen zwei Cola-Dosen entwendet wurden.

Großfahndung der Polizei

Leere Cola-Dosen! Was allerdings den Eifer der Staatsanwältin nicht bremsen kann. Sie erhebt Anklage gegen die beiden Männer, die im Zuge der Nahbereichsfahndung als mutmaßliche Diebe – sie sind Pfandflaschensammler – festgenommen wurden. Und tatsächlich fand sich im Trolley eine Cola-Dose. Das Beweisstück? Schon möglich. Der Verbleib der zweiten Dose wird jedoch ein ewiges Geheimnis bleiben. Im Übrigen bestreiten die beiden Flaschensammler den Diebstahl.

Und die Zeugin wird verknackt

Bei der Gerichtsverhandlung taucht denn auch nur einer von beiden auf. Der zweite wird fest­ge­nom­men und zum nächs­ten Ter­min po­li­zei­lich vor­ge­führt. Auch die Zeugin bleibt der Verhandlung fern. Sie muss daher auf Anordnung des Gerichts 100 Euro Ordnungsgeld zahlen oder ersatzweise für zwei Tage in Haft. Der an­dere An­ge­klagte wird zu­las­ten der Staats­kasse frei­ge­spro­chen, der Trol­ley mit al­len Pfand­fla­schen wie­der her­aus­ge­ge­ben. Und wir wundern uns über die überlastete Justiz...

Textbezogene Paragraphen / Urteile:

Ak­ten­zei­chen 262 Js 109/15 der Staats­an­walt­schaft Ha­gen

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23.05.2015 10:53
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