Elfjähriger vor Gericht, weil er das Tor nicht getroffen hat

Donnerstag, 11.06.2015 PK

Halbzeitpause im Punktspiel des FC Chammünster. Der kleine Jonas Christoph, damals zehn Jahre alt, geht sich warmspielen und schießt ein paarmal aufs Tor. Doch dann prallt der Ball unglücklich von der Latte ab...

... fliegt gegen die Überdachung der Ersatzbank und dann einer Spielermutter mitten ins Gesicht. Folge dieses Weltmeisterschusses: Die Brille der Frau erleidet einen Totalschaden. Jetzt muss der Junge vor Gericht, weil die Frau und deren Anwalt ihm vorwerfen, er hätte sie mit Absicht im Gesicht getroffen. Okay, wir waren nicht dabei. Aber eines ist klar: Wenn ein Zehnjähriger quasi über zwei Banden einen solchen Treffer verwandeln kann, dann hat er schon jetzt das Zeug für die Nationalmannschaft.

Mahnbescheid an einen Elfjährigen  

Gehen wir also davon aus, dass der Treffer wohl doch versehentlich passierte. Nur ändert das leider nichts an den Rechtsfolgen: Denn die Frau ging zum Optiker, der präsentierte ihr eine Rechnung über 710 Euro. Und die wollte die Frau wieder haben: vom kleinen Jonas. Der Anwalt der Geschädigten ließ darauf keine Gelegenheit aus, den Jungen mit Zahlungsaufforderungen zu bombardieren. Doch der reagierte natürlich nicht – und der Fall landete schließlich beim Zentralen Mahngericht Coburg, das im April 2015 eine Rechnung über 981,03 Euro an „Herrn Jonas Christoph“ schickte. Zinsen und Gerichtskosten inklusive. Jonas’ Eltern legten Widerspruch ein.

Gekonntes Abwehrspiel der Versicherung

Ganz gleich, wie die Sache ausgeht: Am Ende muss eben die private Haftpflichtversicherung zahlen oder nicht – bisher weigert die sich aber und will den Fall durchziehen, um „den Jungen vor der Absichtsunterstellung zu schützen“, so ein Sprecher der DEVK, bei der Jonas’ Eltern versichert sind. Und solange das Gericht nicht entschieden hat, wird eben gar nichts bezahlt.

Der Druck auf den Jungen ist unerträglich 

Jetzt könnte man natürlich ganz einfach sagen: Was soll’s, es sind doch bloß 981,03 Euro. Doch hier gibt es einen weiteren wichtigen Aspekt, der alle beteiligten Erwachsenen endlich zum versöhnlichen Nachdenken anregen sollte: Der heute elfjährige Jonas war nämlich bisher ein „Einserschüler“. Doch seit dem Mahnbescheid kann er nicht mehr richtig schlafen, schrieb in den letzten Klassenarbeiten eine fünf in Englisch und eine vier in Mathe. Die Eltern befürchten, dass der Fehlschuss psychische Konsequenzen für ihren Sohn hat. Das fürchten wir auch – allerdings nicht der Fehlschuss, sondern der unsinnige Druck, der auf den Jungen ausgeübt wird. Übrigens: Fußballspielen mag er auch nicht mehr.

Jonas, überleg es Dir noch mal – die Nationalmannschaft wartet auf Dich...

Textbezogene Paragraphen / Urteile:

Schadensersatz gem. Deliktsrecht § 823 Abs. 1 BGB

Fußball

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11.06.2015 16:58
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