Die Paten von St. Pauli: Prozess geplatzt, weil ein Schöffe verliebt ist...

Donnerstag, 06.08.2015 PK

Vier Männer sind angeklagt, am Morgen des 4. Januar 2015 an einem Angriff auf einen Türsteher vor einem Club auf Hamburgs sündigster Meile beteiligt gewesen zu sein. Doch der Prozess droht jetzt zu platzen, weil einer der Schöffen verliebt ist - und das ausgerechnet in die schöne Verteidigerin der Angeklagten.

Die angeklagten Männer zählen zur berüchtigten „Eros-Center-Gang“. Ihnen werden die Schüsse auf den Türsteher und einige weitere Körperverletzungs-Delikte vorgeworfen. Verhandelt wurde im Saal 290 des Hamburger Landgerichts. Doch jetzt muss der Fall neu aufgerollt werden, denn ausgerechnet ein Schöffe (Laienrichter) sorgte für einen Eklat durch eine E-Mail an die Verteidigerin mit der Betreff-Zeile „Hamburg, meine Perle“. 

Keine wohl wirklich durchdachte Mail

Dort schrieb er in schwärmerischem Ton, er sei „dank Ihnen das erste Mal in diesem Prozess einer Gewissensentscheidung ausgesetzt.“ Denn als die Verteidigerin für ihren Mandanten die Aufhebung der U-Haft forderte und die Staatsanwältin dies ablehnte, hätte er „gern die Gelegenheit genutzt und die böse Staatsanwältin gehauen (es waren ja keine Zeugen mehr im Saal ;)) “.

Ein gefundenes Fressen

Die Anwältin fühlte sich jedoch alles andere als geschmeichelt, für ihre Verteidigungs-Strategie allerdings waren die Mails ein gefundenes Fressen: Sie las die Botschaften des verliebten Schöffen prompt beim nächsten Prozesstermin im Gericht vor.

Prozess geplatzt, alles auf Neustart

Und was geschieht mit einem Schöffen, der Partei ergreift? Richtig: Er wird wegen Befangenheit vom Prozess ausgeschlossen. Richter Johann Krieten bewertete diesen Fall so: „Der Schöffe hat mit seinen Mails nicht nur seine persönlichen Aversionen gegen die Staatsanwältin, sondern offenbar auch private Absichten gegenüber der Verteidigerin zum Ausdruck gebracht.“ Ferner habe er das Dienstgeheimnis und das Beratungsgeheimnis verletzt.

Die teuersten E-Mails seines Lebens

Eindeutiger geht es nicht: Der Schöffe ist entlassen, der Prozess gegen die Paten von St. Pauli muss von vorn beginnen. Und da helfen auch die Entschuldigungen des Schöffen nichts, denn die Angeklagten müssen jetzt aus der Untersuchungshaft entlassen werden. Dem Gerichtsbeschluss zufolge muss nun der Schöffe die Kosten des bisherigen Verfahrens tragen. Dazu gehören z.B. die Honorare der Verteidiger und Auslagen der Zeugen. Für den schreibwütigen Schöffen wohl die teuersten E-Mails seines Lebens: Die Kosten dürften nämlich locker sechsstellig sein. 

Textbezogene Paragraphen / Urteile:

Gefährliche Körperverletzung § 224 StGB

Befangenheit eines Richters § 24 StPO

Große Freiheit in Hamburg

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06.08.2015 08:24
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