Harter Markt für Kartenleser

Mittwoch, 23.03.2016 DOD

Der Mann war verzweifelt und steckte in einer schweren Lebenskrise. Nachdem er im Internet nach Hilfe gesucht hatte, stieß er auf eine Seite mit „Life-Coaching“. Das Angebot: Lebensberatung durch Kartenlegen. Er rief dort an, in der Hoffnung, die Karten würden seine Probleme lösen - doch die lösten schlußendlich nur Geldprobleme bei ihm aus…

Die Kartenlegerin versprach den Einsatz ihrer „Energie“, um bei seinen Partnerschaftsproblemen „nachzuhelfen“. Mehrmals pro Woche, manchmal sogar mehrmals am Tag telefonierte der Mann deshalb  mit der Frau, ließ sich zu privaten und beruflichen Lebensfragen die Karten legen und Ratschläge erteilen. Er schilderte Details aus seinem Leben und besprach geschäftliche Fragen. Dazu legte die Frau Tarot-Karten, ließ ihn Kerzen anzünden und Sprüche aufsagen.

200 Euro die Stunde

Und das kostete natürlich: 100 Euro für’s Kartenlegen, Coachings 100 Euro für die ersten 30 Minuten und 50 Euro für alle weiteren angefallenen 15 Minuten. Der Mann erhielt Rabatt. Dennoch kam schließlich eine beachtliche Summe von 35.000 Euro zusammen.

Kunde weigert sich zu zahlen

Doch auch Lebenskrisen haben meist ein Ende. Als der Mann - übrigens ein Messebauer, der sonst mit beiden Beinen im Leben steht - wieder begann, eigenständig zu denken, weigerte er sich, die gesamte Summe zu bezahlen. Der Fall landete vor Gericht, ging dort durch mehrere Instanzen und landete schlußendlich sogar vor dem Bundesgerichtshof.

Kartenleser können Honorare verlangen

Und der fällte nun ein „Sowohl-als-auch“-Urteil. Denn die Karlsruher Richter stimmten darin überein, dass Lebensberatung mit Kartenlegen zwar eine „objektiv unmögliche“ Leistung sei, da sie auf übernatürlichen, magischen Kräften beruhe. Dennoch können Kartenleger für ihre Dienste grundsätzlich ein Honorar verlangen, wenn ein Vertrag geschlossen wurde.

Labile Menschen sind „vertragswidrig“

Doch Wahrsagern und Kartenleger dürfen nicht mit jedem Kunden einen Vertrag abschließen! Denn mit Menschen, die sich in Lebenskrisen befinden oder psychisch labil sind, dürfen nach Ansicht des BGH keine Geschäfte gemacht werden. Diese Verträge sind in solchen Fällen nicht rechtmäßig, zahlen müssen die Kunden nicht. Das soll Menschen, die gerade nicht Herr ihrer Sinne sind, schützen. Der Messebauer kann also nicht nur die Zahlung verweigern, sondern er kann auch alles zurückverlangen, was er der Wahrsagerin bereits gezahlt hat.

Textbezogene Paragraphen / Urteile:

Bundesgerichtshof (BGH) Karlsruhe, Urteil vom 13. Januar 2011, Aktenzeichen: III ZR 87/10

Bürgerliches Gesetzbuch (BGB), Paragraphen 138, 821 und 812

Wahrsagerin mit Karten

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23.03.2016 07:25
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