Organspenden – unsere tiefe Urangst

Samstag, 20.02.2016 PK

Als die junge Studentin Tuğçe im vergangen Jahr starb, hat man sie für ihre Zivilcourage als Heldin gefeiert. Nun wurde bekannt, dass sie post mortem noch drei Menschen das Leben gerettet hat: Ihre Organe wurden transplantiert. Das trifft auch auf das Nachwuchstalent im Motorradsport, den 15-jährigen Jonas Hähle, zu. Er starb bei einem Sturz in Oschersleben – sein Herz aber schlägt jetzt in einem 12-jährigen Mädchen weiter. Insgesamt rettete der Jugendliche durch seine Organe sogar fünf Menschen das Leben. Doch Organspenden werden von vielen immer noch durchaus kritisch gesehen…

Um es in aller Deutlichkeit zu sagen: Hier in unserer Advopedia-Redaktion haben die meisten von uns einen Organspendeausweis. Die meisten von uns haben auch Kinder und wissen daher um die schwere Entscheidung, die Tuğçe, Jonas und vor allem deren Eltern gefällt haben. Wir sind voller Hochachtung und überzeugt, dass sie das Richtige getan haben. Trotzdem muss man fairerweise auch wissen, auf was man sich einlässt, wenn man sich entscheidet, Organspender zu werden.

Wann ist tot wirklich tot

Auf der einen Seite werden händeringend Organe gesucht, um Menschenleben zu retten. Auf der anderen Seite aber mehren sich die Stimmen, die zumindest auf einen bedenklichen Punkt aufmerksam machen: Organspender sind nämlich keineswegs tot. Sie sind „hirntot“, aber ihre Organe leben, sonst könnten diese nicht transplantiert werden. Und das bedeutet nichts Anderes als: Die Organe werden aus einem „lebenden“ Körper geschnitten - wie auch immer man „Leben“ in solchen Momenten noch definieren will.

Der Körper lebt noch

Das Einzige, was nicht mehr funktioniert, ist das Gehirn. Das Herz schlägt, der „Tote“ kann schwitzen oder frieren. Zehn Fälle sind sogar amtlich dokumentiert, wo hirntote Schwangere nach Wochen oder Monaten noch ihre Kinder zur Welt brachten. Und genau das ist eines der Hauptargumente von Gegnern der Organspende: streng genommen wird der Mensch somit erst durch die Organentnahme selbst umgebracht.

Organentnahme ist keine Operation

Und genau das ist der Punkt, der jedem Organspender verschwiegen wird. Was soll’s, werden einige vielleicht sagen – die Vorstellung ist zwar ein bisschen gruselig, doch ist mein Körper dann wenigstens noch zu etwas nütze. Leider ist diese Vorstellung ziemlich unvollständig. Für Laien und Gegner von Entnahmen hat das jedenfalls mit einer regulären Operation keine Ähnlichkeit, sondern eher mit einer Szene vom Schlachthof. 

Eine tiefe Urangst vor Schmerzen

Schon allein die Tatsache, dass der „Tote“ bei der OP festgeschnallt wird, da es bei der Entnahme zu Zuckungen kommen kann, nährt die Meinung, dass der Körper sich aufbäumt und zu wehren versucht. Doch diese Bewegungen, die sogenannten „Lazarus-Zeichen“, entstehen außerhalb des Gehirns auf der Ebene von Rückenmark, Nerven und Muskulatur, sind für den Hirntod geradezu typisch und haben nichts mit irgendwelchen Schmerzempfindungen zu tun. Trotzdem wecken solche Bilder in uns natürlich Urängste, die sich Organspende-Gegner gerne zu Nutzen machen.

Auch Gegner bekommen Spenderorgan

Und trotzdem: wer das alles weiß, kann zumindest nicht mit dem Finger auf diejenigen zeigen, die sich gegen eine Organspende entscheiden. Ob die dann allerdings genauso gegen Entnahmen sind, wenn sie selber ein neues Organ brauchen, lassen wir einfach einmal im Raum stehen.

Wenn ich keinen Spenderausweis habe

Wir brechen hier also auch eine Lanze für diejenigen, die keine Organe spenden wollen. Aber halten sich die Ärzte denn auch daran, wenn man beispielsweise einen schweren Unfall hatte? Nun: In Österreich, Frankreich, Italien, Spanien oder Schweden tun sie das nicht. Wer dort keine ausdrückliche Widerspruchserklärung bei sich trägt, hat halt Pech, wenn er tödlich verunfallt. Dann kann er eben in diesen Ländern ein paar Menschen das Leben retten und deren Familien den Verlust ihrer Liebsten ersparen. 

Textbezogene Paragraphen / Urteile:

Transplantationsgesetz (TPG)

Organtransplantation

Weitere Artikel

article
5900
Organspenden – unsere tiefe Urangst
Als die junge Studentin Tuğçe im vergangen Jahr starb, hat man sie für ihre Zivilcourage als Heldin gefeiert. Nun wurde bekannt, dass sie post mortem no...
/news/aktuell/organspenden-unsere-tiefe-urangst
20.02.2016 07:10
http://www.advopedia.de/var/advopedia/storage/images/media/images/krankenhaus-organspende-getty_images/116356-1-ger-DE/krankenhaus-organspende-getty_images_contentgrid.jpg
Aktuell

Kommentare